Sonntag, 22. April 2007

Yo la Tengo - And then nothing turned itself inside-out

Zeit ist kostbar. Manche Künstler füllen in drei Minuten Leinwände und Tonbänder mit Impressionen und Ideen, dass einem schwindelig wird. Yo La Tengo haben es nicht eilig. Der Opener "Everyday" schleicht sich in sechseinhalb Minuten fast unmerklich von hinten an, streicht über den Rücken und sorgt für Gänsehaut. Eine fast geflüsterte, unaufgregte Stimme über fluffigen Keyboardsounds, flockigen Schlagzeugbeiträgen und nüchtern erzählenden Saiteninstrumenten reichen völlig aus um von diesem Traum gefangen genommen zu werden. "Saturday" scheint sich fast in der Luft aufzulösen, wirft dann aber lieber ein paar zufällig vorbeigeflogene Klaviernoten in den Topf und raschelt perkussiv am Bass vorbei. Beim beschwingten vierten Track hat man längst die Beine hochgelegt und staunt darüber, wie Vielschichtigkeit und schlichte Erhabenheit auf diesem Album heiraten. Dazu gibt es u.a. noch die etwas noisige Uptemponummer "Cherry Chapstick" zu entdecken und zum Abschluss das Lo-Fi-Feuerwerk "Night Falls On Hoboken", das in über 17 Minuten in minimale Ambientpartikel zerfällt und dabei hübsch leuchtet. Tut gut.

8/10

Donnerstag, 12. April 2007

Rat doch mal!

Wenn einem mal so richtig langweilig ist, kann es sich lohnen (nein, nicht wirklich) mal ein paar Songtexte von Google übersetzen zu lassen.
Wer weiß, aus welchem Song (Band natürlich auch nennen!) das folgende Zitat stammt, bekommt ein Wochenende mit mir im Herzblatthubschrauber. Here we go:

"Gut nahm ein gefälschter Jamaikaner jeden letzten Groschen mit diesem scam
Es war es gerade wert, um von der Sleight-vonhand zu erlernen
Schlechte Nachrichten kommen nicht du Sorge, selbst wenn sie landet
Gute Nachrichten bearbeiten seine Weise zu allen sie Pläne
Wir beide erhielten genau am gleichen Tag abgefeuert
Brunnen, den wir auf gute Nachrichten schwimmen, ist auf der Weise

Und wir werden alle Hin- und Herbewegung auf O.K.
Und wir werden alle Hin- und Herbewegung auf O.K.
Und wir werden alle Hin- und Herbewegung auf O.K.
Und wir werden alle Hin- und Herbewegung an gut"

PS: Kommentare kann jeder schreiben, man muss nicht registriert sein.

Freitag, 6. April 2007

Reality Sucks - Be A Space Hippie!

So, aufgrund anhaltender Unlust/ gefühlter Unfähigkeit konkrete Reviews zu schreiben gibt es wieder einen Schwung aus dem musikalischen Geschehen der letzten Tage.

Gestern stand das erste Konzert des Monats an im sympathischen Kafe Kult. Da hatte man sich wohl mit der Besucherzahl verschätzt, denn der sonst meist ausreichende Wohnzimmerraum platzte aus allen Nähten, so dass viele Besucher von draußen reinschauen mussten. Auch hinten an der Bar dürfte man nicht viel gesehen haben, da die Bühne nur ein paar Zentimeter hoch ist. Ach ja, wer stand da eigentlich? Den Anfang machten Maserati aus Amerika, die eine komplett instrumentale Show ablieferten. Dabei stand aus gutem Grund das Schlagzeug in der vorderen Reihe: Die Maschine die das Teil bediente stellte sich zwar doch als Mensch heraus, verlieh den Songs aber stets einen zackigen, unnachgiebigen Schub nach vorne. Dazu die beiden Gitarren, die sich gegenseitig gerne hochschaukeln und ein Bass der seine tiefen Schläge gezielt sitzen ließ. Mir persönlich hätte es besser gefallen Maserati als zweite Band zu sehen, denn das wäre sicher die totale Dance-party geworden!

Nachdem sich in der Umbaupause der Raum auf 130% seiner Kapazität gefüllt hatte (vor allem vor der Bühne natürlich) standen dann auch die drei Herren von Ostinato (auch Amerika) plus einer hübschen Frau an der Geige bereit. Ich hatte meine zwei Bier getrunken und um einen herum wurde recht konstant gekifft, dazu der enge Raum und die deutlich langsameren, teils schummrigen Klänge der Band: da konnte man schonmal wegtreten! Zum Glück haben Ostinato vor allem zum Ende hin ein paar wüstere Verschiebungen in ihre Geräuschmalereien eingebaut und wurden für diese Tat umgehend zu zwei Zugaben auf der Bühne festgehalten. Die stellten sich als nicht minder bratzig heraus, so dass ich mich schon fragte warum man so viel Zeit des eigentlichen Sets etwas verdaddelt hat. Außerdem wollte keiner dem Bassisten einen "Pen" geben: Geizhälse!

Da die CDs recht günstig waren musste ich natürlich zwei erwerben. Das Verhältnis ist verdreht: Maserati schlagen nicht so sehr ein wie live, während mir Ostinato auf Platte doch deutlich zielgerichteter, balancierter und ausgefeilter vorkommen. Für gerade mal 8€ zwei großartige Bands zu sehen gehört jedenfalls zu den schönsten Dingen im Leben!

Links zu Fotos werden hinzugefügt sobald welche auftauchen. Links zu den myspace-Seiten gibts schon jetzt:
Maserati
Ostinato

Freitag, 2. März 2007

so this is the new year

Ist das etwa der erste Eintrag im Jahr 2007? Was war passiert?

Nun, die ersten beiden Monate des Jahres waren musikalisch gesehen nicht gerade die aufregendsten meines Lebens. Ein guter Teil meiner Sammlung ödete mich an und selbst die wirklich guten Konzerte von the Album Leaf und den Decemberists vermochten es nicht mich aus der Lustlosigkeit zu befreien. Das exzellente "Cryptograms" Album von Deerhunter ließ mich immerhin mit seiner konstanten Schieflage und einem teils grandiosen Sog akutischer Überladung aufhorchen. Und bei "Just Like Honey", dem ersten Song auf dem Jesus and Mary Chain Debut "Psychocandy", habe ich stets die zugehörigen Bilder aus dem Film Lost in Translation im Kopf und will sofort nach Tokyo jetten um dort melancholisch durch die Nacht zu wandern. Heute gab´s dann einen kleinen Einkaufsbummel als Belohnung für´s Job hinschmeißen, was mir ja nun zusammen mit den Semesterferien viel Zeit gibt für die schönen Dinge im Leben. Neue Musik zum Beispiel.

Bei den Neuheiten musste natürlich sofort die neue Arcade Fire, "Neon Bible" mitgenommen werden. Auf die sechs Euronen teurere Special Edition verzichtete ich ausnahmsweise mal. Der erste Hördurchgang zu Hause war eher ernüchternd, jedoch traue ich dem zweiten Werk der Band ähnlich viel zu wie dem Erstling "Funeral". Den hatte ich seinerzeit im Laden angehört und war erst wenig angetan. Damals hörte ich gerade hauptsächlich Hardcore in Richtung Converge/ Dillinger Escape Plan etc... Und dann so ein Noch-Geheimtipp der Discoambitionen mit Einsätzen von Geige und französischem Gesang vermengte. Doch irgendwie schimmerte etwas magisches durch diese Songs, das mich dennoch zum Kauf verleitete. Heute hängt "Funeral" als Vinyl eingerahmt an meiner Wand zusammen mit zwei anderen absoluten Lieblingsalben der letzten Jahre. Ach ja, das Konzert von the Arcade Fire an meinem 20. Geburtstag war das wohl beste Liveerlebnis meines Lebens. Damit dürfte klar sein mit welchen Erwartungen ich an "Neon Bible" herangehe, aber auch dass Arcade Fire für mich immer mit längeren Einhörphasen verbunden sind.

Damit die Kanadiertruppe nicht so allein in der Einkaufstasche ist, kam noch der Tortoise-Klassiker "TNT" obendrauf. Nach diesem Stück suchte ich seit Monaten bei jedem Saturnbesuch, jedoch nie ambitioniert genug um es einfach zu bestellen. Heute war´s da und musste natürlich ungehört gekauft werden. Die erste viertel Stunde der 65 Minuten Spielezeit war ich hin und weg. Wunderschön verspielte, total entspannte Soundteppiche (dafür eins fuffzich ins Phrasenschwein) zum wegbeamen, aber gleichzeititg ein gutes Stück entfernt von allzu simpel-drögem Ambientgedudel. Den ersten Track kannte ich (ohne es vorher zu wissen) von meinem Lieblings-Skatevideo "Photosynthesis" (Alien Workshop), wo dieser das sehr hübsche Ende markierte. Sofort waren die Bilder da von diesen langen Sommerabenden, an denen man entspannt durch die Straßen rollte oder sich tatsächlich noch zu einer ernsthaften Session hinreißen ließ, obwohl einem längst die Hacken weh taten. Ich schweife ab... mittlerweile sind Tortoise beim vorletzten Track angekommen und nerven auf diesem dezent mit allzu viel Experiment und Perkussivität. Bei aller Lockerheit, auf die Gesamtspielzeit ist TNT doch ein größerer Brocken als man anfangs meinen könnte. Aber ein Liebhaberalbum, keine Frage. Das Cover ist wie ihr rechts sehen könnt weniger zum liebhaben. Oder soll es minimalistischen Charme versprühen? Ich war mir zunächst echt nicht sicher ob das ein offizielles Cover ist...

Weil ich immer noch was im Geldbeutel hatte musste zum Abrunden des Bummels noch das Debut von Amusement Parks On Fire dazu. Ich muss zugeben dass ich nicht allzu aufmerksam war beim ersten Hören. Klingt fürs erste ziemlich nach dem anderen Zeug von ihnen, also so wie das letzte Album "Out of the Angeles", denn mehr kenne ich eigentlich garnicht . Shoegazer-Dreampop der stellenweise ganz gut dröhnt, was ich absolut liebe. Hinzu kommt bei dieser Band eine Vorliebe für super-catchy Gesangsmelodien und auch mal ein tritt aufs Gaspedal, statt immer nur aufs Effektpedal. Aber keine Sorge, es bleibt alles im besten Tempo zum Träumen. Sehr hübsch auch die Pressequotes von den üblichen Verdächtigen (NME, Kerrang) auf dem Sticker: " Only one thing is certain - soon we will all be deaf". Ja aber bitte gerne doch! Das Teil kommt übrigens im Digipack ohne Booklet, dafür aber auch für schlanke 11€. Zumindest beim Weltbeherrscher-Elektronikladen, vielleicht auch billiger oder teurer wo anders.

Weitere erfreuliche Ereignisse der Woche waren der Erwerb eines Tickets fürs diesjährige Hurricane Festival, welches doch tatsächlich das erste Festival meines Lebens wird und bereits jetzt ein verdammt gutes Line Up verspricht. Mit dabei meine Spitzenreiter auf der "Einmal live sehen und sterben"-Liste, Sonic Youth. In diesem Fall sogar eventuell zwei mal sehen, denn am Donnerstag vor dem Festival spielen SY auch in München, was dazu verleitet die Chance auch zu nutzen. Schließlich sind die auch nicht mehr die Jüngsten *hust*. Daneben freue ich mich beim Hurricane unter anderem riesig auf Interpol, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe, Arcade Fire, ISIS und den Jammerlappen Conor ( = Bright Eyes).
Auf dass 2007 gut klingen möge! Hymnisch, aber nie verkitscht, mit all den tempowechseln die das Leben so mit sich bringt und ein paar ordentlichen Drones.

Mittwoch, 27. Dezember 2006

Godspeed You! Black Emperor - Slow Riot For New Zero Kanada

Sollte ich jemals Künstler benennen müssen, die ich für geheimnisvoll halte, stünde das kanadische Postrock-Kollektiv Godspeed You! Black Emperor (vorhanden in verschiedenen Schreibweisen) sicher ganz oben auf der Liste. Es mag Künstler geben die noch anonymer sind, die vielleicht mehr Mythen um sich spinnen. Aber man sehe sich allein die Verpackung dieser EP an: Vorne nur ein hebräischer Schriftzug, hinten eine Anleitungsskizze zum Bau eines Molotovcocktails auf italienisch. Bandname? Nirgends zu finden. Auf dem Rücken wird immerhin aufgeklärt: Slow Riot For New Zero Kanada. Da läuft einem doch gleich das Wasser in der Hose zusammen!

Zurecht, denn hier gibt es in unter einer halben Stunde Spielzeit zwei Tracks direkt aus dem Weltall. Überirdisch. Das dronige Brummeln am Anfang von 'Moya' steigert sich in ein mächtiges Crescendo. Streicher und Gitarren bersten vor Melancholie und Wut. Direkt überleitend in den zweiten Track, 'BBF3', der sich deutlich langsamer aufbaut. Ein sehr langer und interessanter Monolog wird begleitet von den typisch gespenstischen, Gänsehaut erzeugenden Ambientstrecken, ehe auch dieses Stück in Zeitlupe explodiert. Wieder und wieder. Man kann sich dieser EP nicht erwehren, sie saugt einen sofort ein und schmettert einen zu Boden, ehe sie wieder euphorisiert und sprachlos zurücklässt.

Leider nehmen die Sprachsamples einen sehr großen Teil von 'BBF3' ein. Hier hat man es wirklich mit einem Manifest zu tun das fast hörspielartig ausartet. Das große Meisterwerk "Lift Your Skinny Fists Like Antennas To Heaven" kann von einer EP ohnehin nicht erreicht werden. Trotzdem ist dies ohne Zweifel ein Kleinod. Wer einen kurzweiligen Einstieg ins Universum dieser unglaublichen Band möchte und mit den langen Textpassagen leben kann, greift hier blind zu.

9/10

Montag, 20. November 2006

Achtung! Langweiliger Top 10 Eintrag!

Die 10 Alben, die ich in meiner musikalischen Entwicklung für die wichtigsten halte und bis heute am meisten liebe (ohne bestimmte Reihenfolge):

Wilco - Yankee Hotel Foxtrot
Godspeed You! Black Emperor - Levez Vos Skinny Fists Comme Antennas To Heaven
Sonic Youth - Sonic Nurse
Hot Water Music - A Flight And A Crash
Refused - The Shape Of Punk To Come
Arcade Fire - Funeral
the Weakerthans - Reconstruction Site
Joanna Newsom - Ys
Sunny Day Real Estate - Diary
...And You Will Know Us By the Trail of Dead - Source Tags & Codes

In dieser Liste kommt nicht vor:
- das, womit bei mir alles angefangen hat, also Bands wie Bad Religion, Strung Out...
- die Klassiker, die man in solchen Listen immer nennen sollte, die ich persönlich aber nur "ganz gern" mag: Velvet Underground & Nico, the Cure, vielleicht Joy Division...
- Stimmungsabhängige Platten, die ich nur hin und wieder knutschen möchte: Blood Brothers (Burn, Piano Island, Burn), Converge (Jane Doe), Cursive (the Ugly Organ), ISIS (Panopticon), the Shins (Chutes Too Narrow)... hiervon gibt es viele.
- Radiohead.

Selbstanalyse: Zu viele neue Platten, die älteste auf der Liste ist von '94. Das ist auch noch der klassische Emowürstchen-Tonträger, na super!

Fazit: Top-10-Listen sind aufschlussreicher als Top-5-Listen, wenn es um Alben geht. Außerdem eignen sie sich gut, um die Sonagramm-Lesehausaufgabe oder das Lernen von neuen Kanji auf später zu verschieben.

Samstag, 18. November 2006

Mogwai - Young Team

"Cause this music can put a human being in a trance-like state" behauptet die Frauenstimme da direkt am Anfang von "Young Team", Mogwais erstem Full-length. "If the stars had a sound it would sound like this". Was da in dem ersten Track "Yes! I Am a Long Way From Home" passiert, ist nicht nur dass sich das Album praktisch selbst reviewt (und damit meine Zeit hier vor dem Computerschirm noch sinnloser werden lässt). Nein nein, nebenbei baut sich eine simple Bassline zu einem wunderschönen Intro auf.
Gleich der zweite Track gilt als eine der Großtaten der Schotten. "Like Herod" zieht dich in über elf Minuten durch die Lieblingsplätze deiner Stadt bei Nacht, durch das Bett deiner Geliebten, durch den Fleischwolf. Gerade als man auf den fast schon verstummenden Gitarren davongleiten will, bratzt eine monoton groovende Soundwand in das Stück. Und weil ein mal nicht reicht, passiert das zwei mal und leitet schließlich die totale Dekonstruktion des Stücks mit Feedback und anderen lärmenden Inhalten ein. Das fast außerirdische Ausfransen am Ende ließ mich beim ersten hören ungläubig vor der Anlage zucken. "Katrien" ist da etwas besser erzogen, bündelt seinen dynamischen Aufbau in einen kompakten zeitlichen Rahmen und hypnotisiert einmal mehr durch seinen Basslauf. Sanfte Elektronikelemente tragen die Songs hier unauffällig auf Samthandschuhen ins Ziel. "Tracy" sperrt die Tür zu deinem Herzen mit einer zeitlosen, melancholisch den raum flutenden Melodie auf, ohne dass du es diesem rätselhaften Mädchen je erlaubt hättest. Und wenn ganz zum Schluss im 16-minütigen "Mogwai Fear Satan" der Teufel ausgetrieben wird, dann darf man sich ernsthaft wundern seit wann Flöten in Rocksongs erlaubt sind.
Der Verdacht besteht, dass man dieses Album dringend braucht, sofern man sich als halbwegs Postrock-kompatibel bezeichnet.

8/10

Samstag, 28. Oktober 2006

ISIS - Panopticon

Die Welt mal von oben betrachten. Das verspricht nicht nur das Cover von „Panopticon“, auch die beiliegende Polycarbonatscheibe versprüht ein im wahrsten Sinne des Wortes erhebendes Gefühl. Isis sind anders als die meisten Bands. Isis sind in erster Linie einfach besser als die meisten Bands.

Dabei wirkt das Prinzip des Panotikums, welches auf diesem Album thematisiert wird, eher klaustrophobisch. Verbirgt sich hinter dem Begriff doch ursprünglich eine von Jeremy Bentham erfundene Gefängnisbauweise, die es ermöglichen sollte alle Insassen permanent und problemlos zu überwachen, ohne dass diese ihren Beobachter sehen können. Und so blicken wir im Artwork des Hochglanzfaltblattes von hoch oben auf eine Küstenstadt und fahren bei entsprechender Lautstärke erstmal erschrocken aus dem Sessel, wenn der Opener „So Did We“ losrollt. Die harten Parts des Albums manifestieren sich fast physisch im Raum. Angetrieben von einem unnachgiebigen, sparsamen (im Sinne der Beats) Schlagzeugspiel knüpfen wunderbar tief rauschende Gitarren einen Klangteppich, auf dem sich dann weitere Strukturen bilden und einen an der Hand nehmen. Bezeichnend ist dabei nicht nur die Fülle an feinen Details, die sich nach und nach erschließen, sondern auch das unglaublich fließende Songwriting. Von der ersten bis zur letzten Minute wirkt Panopticon wie aus einem Guss und bietet trotzdem noch die Möglichkeit, sich unter den sieben Tracks persönliche Favoriten herauszuhören. Begeisternd auch die vielen ungewöhnlichen Melodieführungen, die hier mit wunderbar klaren Saitenklängen in die Songs gemeißelt wurden.

Das wohl beste Wort um dieses Werk zu beschreiben ist „Tiefe“. Man kann sich darin für eine Stunde verlieren und möchte am liebsten garnicht mehr herauskommen. Atmosphärisch maximal verdichtet, präzise eingezirkelt und doch seltsam organisch. Berauschend.

9/10

Montag, 9. Oktober 2006

Wilco - A Ghost Is Born

Grenzen müssen manchmal überschritten werden. Mit Konventionen wird gebrochen, es klirrt. Am Ende liegt da der wohl am schönsten funkelnde Scherbenhaufen, den das junge Jahrtausend bislang zu bieten hat. Das Phänomen Wilco. Zum zweiten Mal in mein Leben getreten, um den leisen Verdacht aufkommen zu lassen, dass das hier keine Menschen sein können. Und das geht folgendermaßen:

a) Wilco beginnen ihre Platte mit 'At Least That´s What You Said'. Jeff Tweedy sitzt auf dem Bett seiner Freundin. Fast schüchtern tänzelt die Klaviermelodie um seine Stimme. "And I Thought it was cute for you to kiss my purple black-eye, even though I caught it from you". Und als wollte man jetzt dem Song eins auf die Nase geben, stampft da plötzlich ein trotziger Rhythmus mitsamt Sägegitarren durch das Bild. Der bleibt da, macht sich breit, gibt den Opener nicht mehr her.
b) 'Hell Is Chrome' ist pure Schönheit. Einer der besten Songs die je geschrieben wurden. Diskussionen ausgeschlossen.
c) 'Spiders (Kidsmoke)' fummelt sich an dritter Stelle über 10 Minuten durch ein minimalistisches Soundgerüst und wirft dabei mit Kraut und Rüben. Die erste Geduldsprobe. Ehrensache, dass auch dieser Song aus seiner Schale bricht und man plötzlich genug Bauklötze staunt um damit Hochhäuser zu bauen.
d) 'Handshake Drugs' ist Euphorie ist w-a-h-n-s-i-n-n.
e) 'I´m a Wheel' dreht wortwörtlich am Rad und wirkt beim ersten Hören deplaziert. Muss hier aber rein. Einfach weil hier nicht nur alles möglich ist. Weil hier alles passieren muss.
f) 'Less Than You Think' zerbricht nach drei Minuten Schwermut in ein zwölfminütiges Pfeifton-Brummel-Gemisch. Die reinste Frechheit. Bruchsicher geht anders.

Was die Beweisstücke a) bis f) wie alle zwölf Stücke auf "A Ghost Is Born" verdeutlichen: Der "Geist" des Albums ist launischer Natur. Hinter den vielfältigen, oft ungewöhnlichen Ansätzen verstecken sich all die süßen Bitterheiten (und bitteren Süßigkeiten), die man von Melodieführungen erwarten kann. Die Benutzung von Kopfhörern und ein angemessenes Maß an Aufmerksamkeit werden empfohlen. Danke für alles, Wilco.

9/10

Samstag, 30. September 2006

Samstags: Playlist

Okay, mir war nicht gerade nach dem Verfassen von Rezensionen diesen Monat, aber da kommen baldigst wieder neue (alle beiden Leser des Blogs staunen jetzt gerade?).

Heute daher meine kurze Playlist, die mich den Nachmittag durch begleitet hat.

1. The Album Leaf - Into The Blue Again
Dieses Kleinod habe ich mir gestern für faire 13€ beim Weltbeherrscher-Elektronikkaufhaus geleistet. The Album Leaf ist ein Soloprojekt von Jimmy Lavelle, der sonst (unter anderem?) bei den SciFiGrindcore-Bekloppten the Locust spielte. Hier gibt es wunderbaren Dreampop mit sanfter Elektronik, der etwas an Sigur Ros erinnert. Oder in Schokoriegeln: Wo Sigur Ros etwas zu süß schmeckt und dank all dem Karamell Fäden zieht, bleibt Album Leaf stets knusprig und trotzdem lecker schmelzend. 'Red Eye' ist schon ein ziemlicher Wahnsinn. Wunderschöne Musik!

2. Joy Division - Closer
So, jetzt ein Klassiker. Muss man kennen, essentiell, Pflichtstoff, etc.
Die tiefe, unterkühlte Stimme von Ian Curtis ist jedenfalls schon Grund genug sich hiermit zu beschäftigen. Hinzu kommt eine sehr feine Rhythmusfraktion, die jeden Song streng durchrechnet und verankert. Ein paar Keyboards und Gitarren ohne Lebenslust darüber, Ian im Zentrum - fertig ist die tanzbare Depression. Ach, nein, so schlimm ist das alles nicht. Das hier ist so cool wie Winter in Norwegen. Oh, und wer Interpol, die Editors und co mag muss das hier besitzen.

3. Earth - Earth 2
Jetzt haben wir genug Musik gehört, Zeit für eine Runde absolute Schwärze. Drei Songs in 73 Minuten, Bass und Gitarre. Ein schier endloses Rauschen und Mäandern in einem Paralleluniversum, in dem Zeit absolut keine Rolle spielt. Bewusstsein mal an den Haken hängen und sich von Verstärkern begraben lassen. Grenzerfahrung, aber lohnenswert.

4. Blackmail - Bliss Please
War ich nie der Riesenfan von, kommt aber gerade ganz gut zum Abschluss des Nachmittags und Beginn des Abends. Vor allem die leicht Oasis-mäßigen, langsameren Stücke sind gut zum Schuhe angucken. Den angeblich so druckvollen Passagen fehlt es meiner Meinung nach aber eben an Druck, an Lärm, an Wut.

Dienstag, 5. September 2006

Sonic Youth - Sonic Nurse

Jaja, die sechshundertdreiundzwölfte Sonic Youth, schätzungsweise. Und mittlerweile gibts auch noch eine mehr. Aber das ist ja egal, denn wie jedes Album der New Yorker Indiedinos ist auch 'Sonic Nurse' eine Sache für sich. Wie beim Vorgänger 'Murray Street' darf Jim O´ Rourke als fünftes Bandmitglied mitmusizieren. Der Kampf Kunstkrach gegen Popmusik fiel diesmal zu gunsten der letzteren aus, ist allerdings im Vergleich zum Wohlklang der aktuellen Platte doch deutlicher vorhanden.

Das zeigt bereits der Opener 'Pattern Recognition', der in sechseinhalb Minuten versucht alle Qualitäten der Band zu bündeln. Kim Gordon darf singen und bellen, Dynamik kommt übers Effektpedal und diese zuckrig melancholischen Melodien machen am Ende Platz für einen famosen Feedbackstrudel, wie ihn halt am besten Sonic Youth backen. Äußerst schmackhaft, Noise und Indiepop. 'Unmade Bed' und 'Dripping Dream' zeigen sich harmlos, verunsichern nur empfindliche Naturen, und sind trotzdem von Interesse. Einfach, weil sich zum Beispiel im dritten Track die Gitarren wieder so unwiderstehlich klare Töne zuspielen, der Beat so unbeirrt an der kurzen Leine hoppelt. Irgendwann gipfelt es ja doch wieder im Crescendo. Dann aber kurz und wirksam. Doch jetzt darf Kim wieder ran, eine Trademark-Kim! 'Kim Gordon and the Arthur Doyle Hand Cream' ist eine Kratzbürste, ist "dirty", ist scharf gewürzt. Jetzt nimmt die Platte Fahrt auf. 'Stones' ist ein wunderbares Lied für Hotelzimmer und Spaziergänge am Sonntag. Die Behandlung bei der 'Dude Ranch Nurse' erfolgt mit kaum sterilen, aber umso schärferen Instrumenten. Und wem das zuviel ist, der lässt sich von 'I Love You Golden Blue' betäuben, einem wunderbaren psychedelischen Sonnenstrahl.

Zwar kann man sich bei diesem Album durchaus wohlfühlen, doch es funkelt da eine dunkle, bluesige Note. Es ist eine Schönheit, wie auch das zugehörige Artwork. Aber die schönsten Mädchen sind am Ende doch meist die gefährlichsten. Und wer dieser Krankenschwester hinterherpfeift, dem klingeln bald die Ohren.

8/10

Dienstag, 29. August 2006

Drive Like Jehu - Yank Crime

Wer waren eigentlich Drive Like Jehu? Irgendwann reichte es mir. Immer diese Referenzen an diese ominösen Pioniere, für dies und das. Screamo, Math, anspruchsvoller Hardcore, bla bla. Waren das Drive Like Jehu? Ich bin zu jung und unerfahren, um nun darüber zu richten. Fakt ist, sie haben zwei Alben aufgenommen. Das zweite heißt Yank Crime. Nachdem es 15 Monate in meinem Besitz verweilt, traue ich mir zu Worte zu finden, die dieses Ding hier annähernd beschreiben könnten.

Der erste Song heißt "Here Come The Rome Plows", was mir genausoviel sagt wie Bandname und Albumtitel. Er dauert fünf Minuten und vierundvierzig Sekunden. Eine hinterfotzige Bassline kickt einen ins Stück, das nach acht Sekunden von einem Hornissenschwarm überfallen wird. Oder sind das Gitarren? Der Schlagzeuger zuckt mit den Achseln und animiert lieber zum Fußwippen in der gehobenen Geschwindigkeitsklasse. Zu den Hornissen gesellen sich Termiten, die nun an deinen Stuhlbeinen knabbern. Erste Erkenntnis: Das Drive im Bandnamen kommt nicht von ungefähr, sondern von ziemlich genau diesem Groove da. "Here come the rome plows, rome plows, ROME PLOWS!". Jetzt sollte es aber jeder verstanden haben. Nein? Fragen stellen können die Herren aber auch: "Do You Compute". Ein monotones Gitarrenriff krakelt auf der Tafel rum, während sich geradezu entspannt die Rhythmusfraktion einspielt. Jetzt passiert etwas Unvorhergesehenes: Der Ausbruch erfolgt mit wankenden Tönen, in deren Schieflage man sich fast wohlfühlen kann. Die Sirenen läuten trotzdem noch, auch in diesem Song. Sieben Minuten und zwölf Sekunden. Spannungen aufbauen und fallen lassen, eruptive Breitseiten und versöhnliche, aber nie einschmeichelnde Zerfaserungen. Sonic Youth und Refused. Vorher und Nachher. Hier kommt man mit mindestens einem blauen Auge davon.

"Golden Brown", das ist fast ein Hit. Doch, echt, dazu kann man ziemlich zackig tanzen. Dann kommt ein kleiner Bastard namens "LUAU", der in seinen neun Minuten und siebenundzwanzig Sekunden Schweißausbrüche provoziert. Ja, der Typ singt da tatsächlich immer wieder "Aloha! Suit Up! Luau, luau". Stop and go Rhythmus, Mitgröhlrefrain, brutales Gefrickel zum Ende hin. Ein Song wie Ausdauertraining. Und wie geht das bitte noch weiter? Nicht schlechter. Im späteren Verlauf spannen wir beim "New Intro" aus, widmen uns in "New Math" der Chaostheorie und lassen uns vom feingliedrigen, ja, wunderschönen "Sinews" die Schuhe ausziehen. Die CD Fassung kommt mit drei Bonustracks, u.a. einer alternativen, noch besseren und ungeschliffeneren Sinews-version sowie dem geradlinig rasenden "Bullet Train To Vegas".

In seiner Gesamtlänge ist Yank Crime, nicht zuletzt wegen drei obendraufgesetzten Bonustracks, nicht ganz einfach zu hören. Könnte auch ein Qualitätsmerkmal sein? Prädikat, jedenfalls:
Geheimtipp, Klassiker, verdammt großes Ding.

8/10

Montag, 21. August 2006

Bohren & Der Club Of Gore - Midnight Radio

Nachdem die Songstruktur das letzte Mal dank Melt-Banana an der Schallmauer zerbrochen ist, sind diesmal Bohren & Der Club Of Gore an der Reihe mit destruktivem Schaffen. Nur, dass diese vier Herren aus deutschen Landen den genau umgekehrten Weg gehen. Wie langsam kann man Musik eigentlich spielen? Wie tot kann sie sein? Wie klingt Doom-Jazz?

Der Club gibt Antworten, 140 Minuten lang auf einem Doppelalbum, auf dem streng genommen garnichts passiert. Elf namenlose Tracks mit stets zweistelliger Spielzeit wetteifern in Monotonie und Schwere. Supertiefe Bassklänge hängen sekundenlang im dunklen Raum, ergänzt durch ein nur spärlich gestreicheltes Schlagzeug und wummernde Gitarren- oder Keyboardklänge. Abweichungen im Schema gibt es ebensowenig wie Gesang. Passend dazu das Booklet mit vielen hübschen "Großstadt bei Nacht"-Fotos, womit auch gleich der ideale Rahmen für dieses akustische Erlebnis gebaut wäre. Wer (zum Beispiel mangels Auto) nur selten nachts im Auto unterwegs ist, kann mit Bohren auch spazieren gehen oder sein Zimmer klangfarblich schwarz streichen. Ein guter Begleiter zu nächtlichen und nachdenklichen Zeiten ist er sicherlich. Erwartet man von Musik hingegen eingängige Melodien, Rhythmus oder einfach irgendetwas Handfestes, könnte man hier nicht falscher liegen.

Okay, die eine Ausnahme gibt es ja doch: der letzte "Song" hat einen richtigen Beat, ist für Bandverhältnisse verdammt schmissig und passt überhaupt mal garnicht aufs Album. Ich find ihn ja schon sehr groovy, aber Stilbruch bleibt Stilbruch. Bleiben immernoch 128 Minuten einzigartiger Tristesse. Dieses Album ist so eiskalt, wie es warm ist, und spannend, wie es garnicht sein dürfte. Verrückt. Willkommen im Club!

8/10

Dienstag, 15. August 2006

Melt-Banana - Teeny Shiny

"Free the Bee" fordert der erste Track. 45 Sekunden lang piepst und flirrt das, was mal ein Intro sein sollte, an einem vorbei, ehe Bass und Schlagzeug übereinanderstolpern und eine Gitarre mit den Fingernägeln über die Tafel kratzt. Die Stimme von Sängerin Yasuko ist hoch, sehr hoch, und verkündet Stakkatopoesie. "Electric, archaic, cosmic, i doubt... Clash!". Nicht zuviel versprochen. Im dritten Track "Lost in Mirror" sind die Japaner rhythmisch komplex wie nie, laden zu ekstatischem Zucken ein statt den Hörer wie üblich mit Highspeedparts niederzuknüppeln. Aber keine Panik, ab "First Contact to Planet Q" werden wir auf eine kleine Reise durchs Weltall mitgenommen, in der die nötige Schubkraft einer Rakete zum Planeten Q vorzüglich vertont wird. Das hochfrequente Fiepen im fünften Track lässt an den Tinitus nach dem letzten Konzert der japanischen Noiseterroristen denken und selig grinsen. Agata, der Gitarrist (wenn man ihn denn so nennen will) könnte mit seiner Effektpalette so ziemlich jeden grobkörnigen Horrorstreifen vorzüglichst vertonen. Bei Melt-Banana sorgt er für Entsetzen oder Verzückung, abhängig von Hörgewohnheiten. In "Skit Closed, Windy..." pluckert sogar ein Jazzpart, ehe das abschließende "Moon Flavor" geradezu tanzbar im Sechseck hüpft. Jedoch: "The ship can leave but burst like Bang!!". Die Drohung wird im Hidden Track wahrgemacht, dessen unschuldiges Rauschen von einer der klassischen, wenige Sekunden langen Komplettvermöbelungen zerschossen wird.

Und wir sind raus. Man hört die Vögel auf einmal viel lauter zwitschern, sieht sich um ob noch alles in Ordnung ist auf dem Schlachtfeld. "Teeny Shiny" ist das Destillat der besten Momente von Melt-Banana. Es verbindet die gerade nötige Menge an Songwriting mit der ureigenen Energie und einer sehr guten Produktion sowie, jetzt kommts, einer Handvoll Melodien. Ziemlich großartig.

7/10

zuletzt gekauft



Noriko Tujiko
Hard ni sasete


Noriko Tujiko
From Tokyo to Naiagara



School of Seven Bells
Alpinisms [Vinyl LP]


Jim O'Rourke
Eureka [Vinyl LP]


Grails
Doomsdayer's Holiday [Vinyl LP]







Nisennenmondai
Neji/ Tori [Vinyl LP]


Deerhunter
Microcastle


the Sea and Cake
Car Alarm [Vinyl LP]


Jim O'Rourke, Akira Sakata, Yoshimio
Hagyou


Trico!
Everyday Trip


Miroque
Green Anthology



Osorezan
Mimidokodesuka

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Umleitung
Sämtliche Inhalte dieses blogs sind umgezogen zu meinem...
sutereo - 13. Feb, 20:39
Kaugummikrise
Tujiko Noriko - ハードにさせて Tujiko Noriko holds...
sutereo - 28. Jan, 01:05
Grenzgänger
Stars Of The Lid - And Their Refinement Of The Decline...
sutereo - 8. Nov, 14:44
Zum anfassen, bitte
"Warum lädst du die Musik nicht einfach runter?" Kaum...
sutereo - 13. Aug, 21:27
Öhrchen
Slap Happy Humphrey - s/t Wurde eigentlich die...
sutereo - 1. Feb, 18:00
Wenn ich mich mal eingehender...
Wenn ich mich mal eingehender mit der anderen Valiumkatze...
sutereo - 21. Dez, 19:51
Wie superfies von dir,...
Wie superfies von dir, Valium-Katzenlangweile Schnarch-Wilco...
FallOutGirl - 17. Dez, 14:45

Links

Suche

 

Status

Online seit 7241 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 13. Feb, 20:39

Credits


Profil
Abmelden
Weblog abonnieren